Boah, der Zug hat ja auch ein Rückwärtsgang!!!
“Nee, was, schon wieder??” frag mich meine Lehrerin. Ihr Blick sagt alles, die Frau glaubt mir kein Ton. Selbst diese dämliche Entschuldigung von Deutschen Bahn, wo in großen leserlichen Druckbuchstaben steht: “Zug verspätete sich um 20 Minuten aufgrund von Verzögerungen im Betriebsablauf.”, bringt mich nicht weiter. Die missmutigen und zweifelnden Blicke der Lehrer bin ich schon gewohnt. Ist ja auch klar: die setzten sich morgens schön in ihre warme Kutsche und können loskurven, während wir führerscheinlosen Untervolk der Schule auf Bus und Bahn angewiesen sind. Alles klar, denk ich mir, setzt mich an meinen Platz und muss wohl oder übel die nächste unentschuldigte Verspätung auf dem Zeugnis hinnehmen. Gelangweilt verfolge ich mehr oder minder den Unterricht, denn meine Gedanken schweifen schon zum morgigen Tag ab: Garantiert gibt’s dann mal wieder den ein oder anderen Oberleitungsschaden, eine Weichenstörung oder eben die altbekannte Verzögerung im Betriebsablauf. Noch während ich damit beschäftigt bin, die Wahrscheinlichkeit auszurechnen was es morgen dann sein wird, klingelt es. Alle anderen stürmen gehetzt aus dem Raum. Ich hingegen packe in aller Ruhe meine Sachen und erinnere mich an den gestrigen Morgen: da ist der Lokführer doch glatt mal an meinen heimatlichen Bahnhöfchen vorbeigedüst ohne mit der Wimper zu zucken. Mir hingegen fiel die Kinnlade runter, so weit es mein dick um den Hals und Mund gewickelter Schal zuließ. Noch am Überlegen, was ich nun mache (denken am frühen Morgen ist immer schwer, solange Gehirn und Körper noch auf Stand-Byte Modus gestellt sind) fährt der Zug wieder rückwärts in den Bahnhof ein. Mit großen Kulleraugen steige ich ein, denn selbst diese Situation war komplett neu für mich. Zugausfälle zwecks Polizeikontrolle, Schießerei, Schlaganfall und Suizid hatte ich alles schon erlebt. Auch versehentliches Betätigen der Notbremse (da frag ich mich welcher Idiot zieht aus Versehen die Notbremse?!) oder Fliegen auf der Heckscheibe der Lok (kann man da nicht vorbeigucken?! Oder sind das Elefantenfliegen, die dann die ganze Scheibe ausfüllen?!) haben schon dazu geführt, dass meine Lehrer halbe Wutausbrüche bekommen und mit hochroten Gesichtern, Schweiß auf der Stirn und irgendwie sehr planlos den Unterricht weiterführen.
Morgens geh ich eh immer erst 10 Minuten nach dem planmäßigen Eintreffen des Zuges los – warum auch so lange in der Kälte stehen? Während man dann gemütlich inklusive Eiszapfen an der Nase auf die Bahn wartet, liest man noch schnell sein 500 Seiten dickes Buch durch, dass man ja schon immer mal lesen wollte. Danach noch eine Viertelstunde Musikhören, und wenn man dann Glück hat, kommt auch schon der Zug eingefahren. Das nächste mal laufe ich die 60 Kilometer zur Schule. Da bin ich mit Sicherheit schneller, als auf die Bahn zu warten, es ist wesentlich billiger (immerhin 75€ pro Monat drückt man für so eine Monatskarte nach Berlin ab) und zuverlässiger.
DB – mach weiter so… dann machst bestimmt bald riesen Spaß, mit leeren Wagons durch die Gegen zu juckeln…
jaaa…die Deutsche Bahn kann nicht immer was dafür…aber ich steh ja auch nicht da und klau ne Oberleitung…
Anm.: geschrieben am 21.1.2007